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Leben mit Ataxiekatzen – ein Interview

 

Julia G. aus Hülzweiler, einem kleinen Ort im Saarland, lebt seit einigen Jahren mit einer 5köpfigen Katzenbande zusammen. Das Besondere: Zwei ihrer Stubentiger leiden unter einer Bewegungskoordinationsstörung, die man fachsprachlich als „Ataxie“ bezeichnet (Näheres zum Krankheitsbild erfahren Sie hier).

 

 

Ich habe Julia und ihre Fellnasen Leon, Tobi, Yoshi, Tessa und Nala 2017 im Rahmen einer Verhaltenskonsultation kennen gelernt und wurde ziemlich schnell auf Yoshi aufmerksam, einen Ataxiekater, der es, so schien es mir, ungeheuer eilig hatte. Ja, er wackelte mit dem Kopf und schwankte auch von einer Seite auf die andere, aber ich gewöhnte mich schnell an den ungewohnten Anblick, packte die Spielangel aus und los ging's. Drei übermütige Katzen beteiligten sich am Beutefang auf dem Bett, darunter Yoshi; Tessa, die zweite Ataxiekatze, verhielt sich ein wenig zurückhaltender und beteiligte sich erst am Spiel, als ihre rücksichtslosen Brüder eine Pause einlegten.

 

Wie lebt es sich mit zwei Handicap-Katzen und drei „normalen“ Fellnasen? Worauf muss man als Halter achten? Vor welche Herausforderungen wird man gestellt?

 

Die "Wackelkatzen" Tessa und yoshi

Zwei Ataxiekatzen liegen zusammen
Yoshi und Tessa

 

 

KH: Liebe Julia, können Sie unseren Lesern in wenigen Sätzen

 

erklären, was sie sich unter einer Ataxiekatze vorzustellen haben!?Oft

 

werden diese Tiere auch als „Wackelkatzen“ bezeichnet. Stört Sie diese

 

Bezeichnung?

 

JG: Ataxiekatzen haben ein anderes Gangbild als normale

 

Katzen. Sie wirken unkoordiniert und wackelig von der

 

Kopfbewegung her, weshalb sie auch leicht mal umfallen. Der

 

Begriff Wackelkatze stört mich persönlich daher nicht.

 

 

KH: Als Sie mich konsultiert hatten wegen eines

 

Unsauberkeitsproblems (Ihre beiden Ataxiekatzen waren aber nicht die

 

„Übeltäter“) war ich sehr beeindruckt von Tessa und Yoshi, ihren

 

beiden Ataxiekatzen. Gerade der sehr selbstbewusste und aktive Yoshi

 

  stürzte der Federangel her, als gäbe es kein Morgen mehr. Auch die ruhigere Tessa beteiligte sich später am Spiel und

 

hangelte sich geschickt den Kratzbaum hoch.

 

 Erzählen Sie doch unseren Lesern ein wenig über die beiden, was ihre Herkunft, Entwicklung und Persönlichkeit betrifft.

 

 

JG: Gerne. Tessa ist eine fast fünf Jahre alte, sehr verschmuste und liebe Katze, bei der die Ataxie mittelmäßig ausgeprägt ist.

 

Mit zehn Wochen habe ich sie von einem Tierschutzverein in Pflege genommen, sofort ins Herz geschlossen und dann auch

 

direkt adoptiert. Tessa kam von Anfang an super mit ihrer Ataxie zurecht.

 

 

Yoshi ist ein zwei Jahre alter Kater, der unter einer schwerere Form der Ataxie leidet. Yoshi ist ein sehr lebhafter, verschmuster und auch manchmal leider etwas ungeduldiger Kater.Deshalb kommt er auch nicht immer so voran, wie er es gern möchte. Ansonsten lässt er sich von meinen anderen Katzen und Katern nichts gefallen und kommt gut mit seiner Ataxie zurecht.

 

Leben in der gemischten Katzengruppe

Ataxiekatze zwischen zwei normalen Katzen
Nala, Tessa und Leon

 

KH: Die beiden sind Teil einer 5köpfigen Katzengruppe; da wären die Handaufzucht Tobi (3 Jahre) zu nennen, weiterhin Nala (4 Jahre) und Leon (5 Jahre). Wer war zuerst da und mit welchen Schwierigkeiten mussten Sie kämpfen? Oder lief alles glatt?

 

 JG:Zuerst kam Leon, danach Nala. Leon war am Anfang leider nicht so begeistert, hat erst mal gefaucht und einen auf „Ich bin ein Monster!“ gemacht. Aber nach zwei Tagen waren die beiden ein Herz und eine Seele. Danach kam Tessa, da lief alles vom ersten Moment an problemlos. Es gab keinen Stress, nur ab und an mal ein Fauchen, aber sonst nichts. Tobi war der zweite Kater; da er erst eine Woche alt war, sah ihn niemand als Konkurrenz an und somit stellte er wohl auch keine Bedrohung dar. Yoshi kam als letztes dazu. Nachdem Leon ihm einmal gezeigt hat, wer der "Chef " ist, lief auch hier alles problemlos.

 

KH: Wie kommt die Katzengruppe inzwischen untereinander klar? Verstehen sich immer noch alle?

 

JG: Ich würde sagen, ja, es klappt super und alle verstehen und tolerieren sich. Natürlich gibt es ab und an mal kleinere Raufereien, aber da wird nie was Ernstes draus. Ich glaube, ich hatte einfach mächtiges Glück, dass die von mir zusammengewürfelte Gruppe so super harmoniert... es hätte ja auch schief gehen können.

 

besondere herausforderungen

Handicapkatze frisst im Liegen
Yoshi beim Fressen

 

KH: Was sich viele sicher jetzt fragen: Und was ist mit dem Toilettengang? Wie

 

funktioniert das? Und das Fressen, wenn doch der Kopf so wackelt!?

 

 

JG: Also im Großen und Ganzen klappt es mit dem Toilettengang super. Tessa macht ihr

 

Geschäft wie jede andere Katze auch. Yoshi macht sein Geschäft im Liegen. Ich möchte hier

 

aber auch ehrlich sagen, dass beide ab und an auch mal etwas mit Kot oder Urin beschmiert

 

sind. Aber dafür gibt es Küchenrolle und Trockenshampoo und das Problem ist gelöst.

 

 

Mit dem Fressen und Trinken klappt es bei Tessa nach einem Training super alleine. Sie frisst und trinkt wie jede andere Katze.
Bei Yoshi ist das leider etwas anders: Da er ein so ungeduldiger Kater ist, bekommt er seine Hauptmahlzeiten von mir aus der Hand, denn das klappt leider nicht alleine. Er kann aber durchaus, wenn der erste Hunger gestillt ist, im Liegen alleine aus Tessas Napf fressen Das Trinken klappt nach Übung alleine.

 

Ataxiekatze auf der Fensterbank
Tessa am Fenster

 

KH: Sie mussten und müssen sich auch, was den

 

Lebensraum der Katzen betrifft, auf die Einschränkungen

 

in der Koordination und Motorik von Yoshi und Tessa

 

einstellen. So muss immer gewährleistet sein, dass z.B. der

 

Kratzbaum stabil ist. Worauf müssen Sie noch

 

achten? Gab es bauliche Veränderungen?

 

 JG: Nein bauliche Veränderungen gab es keine. Ich finde, ein

 

stabiler großer Kratzbaum mit ausreichend Platz für alle

 

Katzen gehört in jeden Katzenhaushalt, egal ob man

 

Ataxiekatzen hat oder „normale“. Das einzige, was ich dazu

 

genommen habe, ist eine kleine Treppe, die ihnen auf die

 

Couch hilft. Und einen für Tessa geeigneten Kratzbaum,

 

damit sie selbstständig ans Fenster kommt, weil sie es liebt,

 

aus dem Fenster zu schauen.

 

 

KH: Wie hat das Leben mit zwei Handicap-Katzen Ihr Leben verändert?

 

 JG: Es ist toll, wenn man sieht, wie sie Fortschritte machen und kleine Erfolge haben, wenn sie etwas Neues dazu lernen.

 

Man bekommt einen anderen Blick auf manche Dinge und lernt, dass es viele Wege gibt, um Erfolg zu haben, auch wenn es mal

 

anders wirkt.

 

"ich adoptiere eine ataxiekatze!"

Katze auf Kratztonne
Tessa auf Kratztonne

 

KH: Wie reagiert Ihr Umfeld auf Tessa und Yoshi? Gibt es Verständnis oder

 

eher Ablehnung? Gibt es Vorurteile, mit denen Sie zu kämpfen haben?

 

 

JG: Also, es gibt Leute die haben Mitleid mit ihnen. Und es gibt Leute, die sind

 

erschrocken. Andere verstehen es einfach nicht, aber nach einem Gespräch mit

 

mir und nachdem sie die beiden kennen gelernt haben, sind sie begeistert und

 

finden die beiden toll. Ich denke, dieses Mitleid, das manche Menschen anfangs

 

zeigen, hat viel mit Unwissenheit zu tun.

 

 

KH: Ja, das glaube ich auch und hoffe, dass wir mit diesem Interview und den

 

wertvollen Infos zu Ataxiekatzen von Bettina von Stockfleth einige positive

 

Veränderungen in den Köpfen der Menschen bewirken können.

 

Was wünschen Sie sich für Tessa und Yoshi? Und was würden Sie gerne

 

unseren Lesern mitgeben?

 

 

JG: Ich wünsche mir, dass ich noch viele schöne Jahre mit meinen tollen und

 

besonderen Ataxiekatzen habe. Und wünsche mir, dass wir mit diesem Interview

 

dazu beitragen können, dass die Leute eine andere Sicht auf Handicap - Katzen bekommen. Und wenn wir vielleicht nur einen

 

Menschen erreicht haben, der dies liest und denkt: „Toll, ich adoptiere eine Ataxiekatze!“, hat es sich schon gelohnt.

 

 

KH: Vielen Dank, liebe Julia. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Katzenbande weiterhin alles Gute!

 

 

JG:Dankeschön.

 


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Diese Gruppe habe ich gegründet, um noch mehr Menschen mit Katzen über Bedürfnisse, Sprache, Gesundheit, Verhalten und angemessene Haltung ihrer Fellnasen aufzuklären und zu sensibilisieren. Denn nur so werden wir Menschen unseren Samptpfoten gerecht und können dafür sorgen, dass Problemverhalten wie z.B. Unsauberkeit oder Aggression gegenüber Mitkatzen erst gar nicht entstehen kann.

 

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- die sich Gedanken darüber machen, ob sie tatsächlich im Umgang, in der Erziehung oder Fütterung mit ihren Fellnasen alles richtig machen.
- die den Austausch mit anderen Dosis zu schätzen wissen.
- deren Alltagsprobleme ihnen manchmal über den Kopf wachsen und die sich daher um das Wohlergehen ihrer Miezen noch mehr sorgen.
- die auch mal Zeitpobleme haben und wissen möchten, wie sie ihren Samtpfoten dennoch gerecht werden können.
- die manchmal einfach einen konstruktiven Ratschlag oder eine Aufmunterung benötigen.
- die ihrerseits hilfsbereit und wertschätzend den anderen gegenüber sind.


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Kommentare: 1
  • #1

    Nicole (Mittwoch, 18 Juli 2018 12:54)

    Schöner Artikel!
    Ich habe auch vor ein paar Jahren 3 Wackelkatzen aus einem Tierheim adoptiert und würde es jederzeit wieder tun! Habe viel durch die drei gelernt - vor allem "geht nicht, gibts nicht"... :-)