Von Wohnungskatzen und Freigängern

 

Vor einigen Tagen las ich einen Artikel einer Katzenpsychologin aus dem Jahr 2013, der sich mit der Sonderstellung der Katze als Freigängerin beschäftigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In meinen Augen ist es ihr meist nicht gelungen, ein überaus kontrovers diskutiertes Thema (Wohnungshaltung oder Freigang) hinreichend objektiv und differenziert zu betrachten. Die Verfasserin des Kommentars befürwortet eindeutig eine Katzenhaltung, die den Freigang nicht beinhaltet, was sie aber nicht ausdrücklich formuliert. Stattdessen arbeitet sie mit Abwertungen der sog. "Freigängerfraktion", die sie als "versessen", "bequem" und "überholt" in ihren Anschauungen einordnet und ihnen attestiert, es als "zu anstengend" zu empfinden, ihre Katzen "artgrecht zu beschäftigen". Was wohl ihre Kunden mit Freigängerkatzen zu diesem wenig schmeichelhaften Urteil sagen?

 

Um es vorweg zu nehmen: Ich gehöre keiner "Fraktion" an, würde dies doch bedeuten, dass ich die eine Haltung komplett ablehne und die andere unter allen Umständen befürworte. Wieso muss es denn zwei Pole geben, zwischen denen ich mich entscheiden muss, wo bleibt da das Grau, die Balance, das "Je-Nachdem"?

 

Was spricht eigentlich, laut der Verfasserin, dagegen, seiner Katze Freigang zu ermöglichen? Dazu gibt sie eine klare Antwort: Draußen lauere die Gefahr in Form von Autos, Jägern, Hunden, anderen Katzen, Raubtieren, Swimmingpools, Gift, unfreundlichen Nachbarn. Lassen wir die "Raubtiere" und "Swimmingpools" außer Acht, bleiben Faktoren, die potenziell gefährlich für jede Katze sein können, das ist unbestritten. Behalte ich meinen Vierbeiner im Haus, schütze ich es und handle verantwortungsvoll, oder nicht!? Steckt nicht ein anderes Motiv dahinter, das uns die Autorin wohlweislich verschweigt, weil es nicht in ihr Schwarz-Weiß-Bild passt und das man als "Angst" bezeichnen könnte!? Die Angst davor, sein geliebtes Tier angefahren im Straßengraben zu finden oder davor, es mehrere Tage zu vermissen und nicht zu wissen, wo und in welchem Zustand es sich befindet. Lasse ich meine Katze frei laufen, werde ich in der Zeit ihres Stromerns eines nicht mehr haben, nämlich die Kontrolle. Und der Verlust der Kontrolle macht vielen Menschen Angst.

Diese Emotionen sind überaus verständlich, warum sie also verleugnen? Um nicht zugeben zu müssen, dass ich – sperre ich meine Katze ein – möglicherweise nicht in erster Linie im Sinne meines Stubentigers handele, sondern in meinem eigenen? Das bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass ich meiner Wohnungskatze kein schönes Leben bieten kann, das nahezu alle Bedürfnisse der Miez befriedigt. Dann benötigt sie sicher mehr Spieleinheiten, mehr Rückzugsmöglichkeiten, mehr erhöhte Plätze, im besten Fall einen Catwalk und Clickertraining. Den Freigängertierhaltern aber zu unterstellen, ihre Tiere "nicht anspruchsvoll" zu beschäftigen, es sei "ja viel einfacher, einem regen und neugierigen Tier die Tür aufzumachen", halte ich für unseriös. Es gibt sicher Menschen, die sich kaum mit ihren Katzen beschäftigen, weil sie immer noch der irrigen Ansicht sind, Katzen seien anspruchslos, pflegeleicht und verschliefen den ganzen Tag. Diese findet man aber sowohl unter den Haltern von Freigängern als auch von Wohnungskatzen. Sind es Freigänger, haben diese wenigstens die Möglichkeit, draußen oder in der Nachbarschaft einen Teil ihrer Bedürfnisse zu befriedigen – die anderen haben Pech gehabt. Dass sich in der Sichtweise dieser Tierbesitzer etwas ändern muss, steht außer Frage.

 

Warum gestehen wir Katzen einen unbeaufsichtigten Freigang zu, Hunden, Kaninchen, Hühnern, Pferden und Schafen aber nicht? Ist der Freiheitsdrang der Katze größer als der der oben genannten Tiere? Die Antwort der Autorin: Die Freiheit der anderen Tiere wird durch Ställe, Leinen, Gehege und Käfige reglemtiert, da "wir den veränderten Umweltbedingungen und steigenden Gefahren (Verkehr, Bebauung) Rechnung getragen" hätten. Das klingt positiv, vorausschauend und fürsorglich, denn offenichtlich schützt der Mensch das Tier damit. Aber hat diese Einschränkung nicht eher damit zu tun, dass sich das Tier uns anpassen muss, damit wir unserer Bedürfnisse besser befriedigen oder Kontrolle ausüben können? Nutztiere wie Schafe oder Hühner leben in erster Linie in engen Verhältnissen, damit mehr Masse produziert werden kann. Pferde als Herden- und Bewegungstiere stehen häufig den ganzen Tag in Ställen und entwickeln dort Verhaltensstörungen wie Koppen oder Weben. Hunde werden angeleint, da "die Gesetzgebung darauf abzielt, die Öffentlichkeit vor Bissverletzungen durch Hunde zu schützen" (John Bradshaw, Verhaltensforscher) und nicht, um den Hund vor veränderten Umweltbedingungen zu schützen.

 

Welche Argumente sprechen nun, laut Autorin, für eine reine Wohnungshaltung (mit oder ohne sicherem Balkon oder Garten)? Da finde ich nur zwei: Zum einen der Schutz vor Gefahren (s.o.) und zum anderen eine Übeforderung unserer Vierbeiner, die sich in (für den Menschen!) unerwünschtem Harnmarkieren zeige.

Zum einen ist Harnmarkieren nicht automatisch ein Zeichen von Überforderung und zum anderen tritt Harnmarkieren besonders dann gehäuft auf, wenn mehrere Katzen in einem Haushalt leben und es in diesem Probleme unter den Katzen gibt – und da spielt es keine Rolle, ob es sich um Freigänger handelt oder Wohnungskatzen.

 

Wieso genießen Katzen denn nun das Privileg – im Gegensatz zu Hunden – selbstbestimmt zu leben? Da gibt es aus meiner Sicht mehrere triftige Gründe:

1. Ihre Sinnesorgane und ihr Körper sind perfekt für ein Leben draußen angepasst.

2. Katzen sind ungeheuer anpassungsfähig und lernen, mit veränderten Lebensbedingungen umzugehen – auch mit zubetonierten Flächen und Straßenverkehr.

3. Katzen sind Jäger, die alleine jagen und ihren Jagdtrieb draußen auf natürliche Art und Weise ausleben können.

4. Der Lebensraum außerhalb des Hauses kann nahezu alle Bedürfnisse der Katze befriedigen: erhöhte Beobachtungsposten oder Rückzugsorte, Schlafplätze, Beutetiere, Spiel, Sozialkontakte zu Artgenossen oder anderen freundlichen Menschen in der Nachbarschaft,...

5. Katzen, die zumindest in einigen Bereichen die Kontrolle über ihr Leben haben, sind ausgeglichener und selbstbewusster.

6. Weil es viel schwieriger ist, Katzen an der Leine durch die Stadt/den Wald zu führen oder mit ihnen und anderen Katzen am "Agility" teilzunehmen.

 

Muss denn jeder Katze Freigang zugestanden werden?

Nein – entscheidend sind individuelle Faktoren: Wohngebiet (Sackgasse/ verkehrsberuhigt/ Hauptstraße), Erfahrungen der Katzen (schon immer Freigänger/Wohnungskatzen), Bedürfnisse der Miezen, Gesundheitszustand, aktuelle Situation (enormer Stress mit territorial aggressiver Nachbarskatze, Katzen hassender neuer Nachbar,...).

 

In meiner Tätigkeit als Katzentherapeutin habe ich Wohnungskatzen kennen gelernt, die auf mich einen erfüllten und ausgeglichenen Eindruck machen, aber auch solche, die völlig unterfordert sind, kugelrund und den Tag verpennend, Freigängerkatzen, die ihr Leben draußen sichtlich genießen und andere, die sich aus Angst vor dem neuen Rivalen im Revier nicht mehr hinaus trauen.

 

Meine Aufgabe als Katzenpsychologin sehe ich darin, die Sorgen und Ängste der Menschen Ernst zu nehmen und die bestmögliche Strategie für sie und ihre Katzen zu entwickeln, die sowohl die Bedürfnisse des Menschen als auch die des Tieres berücksichtigen.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Kater12 (Donnerstag, 01 September 2016 09:48)

    Schöner Beitrag! Meine Katze frisst auch nur Trockenfutter! Aber kein günstiges, nein es muss teures sein ;)
    Das macht aber nichts, denn ich suche online regelmässig nach einem Zooplus Gutschein und da kann man auch schon gut sparen. Viel Spass noch mit den Vierbeinern ;)